Erfahrungsbericht als Juniorreisende
“Was macht eigentlich ein “Trainee” während des 18-monatigen Programms tagtäglich? Was sind die Aufgaben und Verantwortlichkeiten?” Diese und ähnliche Fragen habe ich in den letzten anderthalb Jahren seeehr oft gehört. Was mich auch freut, denn viele Leute zeigen Interesse an diesem Programm, welches die Werner & Mertz GmbH nach einer “Ruhepause” wieder ins Leben gerufen hat.
Angestellt bin ich bei der Werner & Mertz GmbH in der Abteilung Internationales Marketing – also im Team von Herrn Bent Melzer. Gleich zu Beginn planten wir, das 18-monatige Trainee-Programm in 3 Teile aufzuteilen. Das erste Drittel würde im Internationalen Marketing sein, darauf folgend ein Einsatz in einer der Tochtergesellschaften der Werner & Mertz; und schließlich sollte das letzte Drittel aus Trainings und einer Tätigkeit in der Vertriebsgesellschaft Erdal-delta bestehen.
Der dritte Teil des Programms startete mit einer Tätigkeit als “Junior-Reisende” in der Erdal-delta Vertriebsgesellschaft fĂĽr Deutschland. Der Begriff Juniorreisende bedeutet, dass man normalerweise 2 Jahre lang (bei mir waren es 5 Monate) Sonderdurchgänge fĂĽr die Vertriebsgesellschaft macht, kein festes Kunden-Gebiet hat und somit Kunden in ganz Deutschland besucht, um ihnen Sonderaktionen und neue Produkte vorzustellen und anzubieten. Somit nahm ich Firmenhandy, Laptop, Drucker, Faxgerät, Musterware und den Firmenwagen in Empfang und los ging die Deutschlandreise. Von Norddeich an der Nordsee ĂĽber Wilhelmshaven, Jever, Hannover, Aachen, Schwarzwald, Biberach an der RiĂź, Kassel, Konstanz am Bodensee bis hin nach Regensburg an der tschechischen – und Passau an der österreichischen Grenze und zurĂĽck. Teils 2.700 km pro Woche, insgesamt rund 26.000 km in 5 Monaten. Hier muss ich denjenigen widersprechen die sagen “Ach schön, Du hast ja so viele tolle Städte in ganz Deutschland gesehen” – denn um als Tourist durch die Städte zu schlendern – nein, keine Zeit, man hat zu tun! Jedoch habe ich die Natur & Landschaft gesehen und weiĂź, dass es im ganzen Norden “nur” rote Backstein-Häuser gibt, während die Schwärzwäldler wohl auch ohne Handyempfang leben können, holländische Hotelbesitzer auf der deutschen Seite der Grenze unheimlich nett und gelassen sind, der Bodensee von vielen jungen Menschen zu unrecht als Urlaubsziel vernachlässigt wird und zu guter Letzt: man als Mitteldeutsche definitiv immer 2x nachfragen muss, um zu verstehen, was einem in SĂĽdbayern im Edeka Emma MĂĽller in schönstem Dialekt gesagt wird.
In diesen fünf Monaten lernte ich, was wichtig ist, wenn ich als Marketeer nicht nur den Endkunden ansprechen will – sondern auch dafür Sorgen muss, dass mein Produkt überhaupt in den Regalen im Handel steht. Welche Informationen sind bei neuen Produkten für den Marktleiter wichtig? Welche sind für ihn überflüssig? Was muss auf den Salesfoldern stehen? etc. Doch nicht nur produkt- und auftragsbezogen lernt man viel – nein, auch menschlich bekommt man eine ganz andere Sichtweise.
Einerseits die freundliche Abteilungsleiterin, die sich sehr fĂĽr das neue Produkt interessiert, es ins Sortiment aufnimmt, es auch der Nachbarin Gretchen weiterempfiehlt und einen schönen Auftrag vergibt. Andererseits der griesgrämige Marktleiter, der einen noch vor der Chance des BegrĂĽĂźens und HändeschĂĽttelns anbrummt mit “Wir brauchen nix!!! Wo soll ich dat denn noch alles hin stelle? Ich hab’ doch keine Gummiregale!”, den RĂĽcken zudreht und weg schnaubt – was soviel heiĂźt wie “RAUS HIER, Vertreterin!!”. Aber auch die regionalen BedĂĽrfnisse und warum ich in Hamburg eher ein Erdal Schuh-Imprägnierspray im Handel brauche als in Freiburg im Breisgau.
Zusätzlich hatte ich die Chance, eine Woche lang die Tätigkeit eines kurzzeitig erkrankten Bezirksleiters zu übernehmen und in die „wirkliche Welt des Außendienstes“ hinein zu schauen. Außerdem begleitete ich einen Key Account Manager zu einem sehr interessanten Kundengespräch. Das hoch informative, mit Tipps & Tricks gespickte POS-Seminar rundete, als Training mit Handelsinfo-, Rhetorik- und Präsentationsgrundlagen, die Zeit als Juniorreisende ab.
Was ich allerdings auch gelernt habe ist, dass eine Tätigkeit als Juniorreisende einsam macht: das Wochenende endet oft schon sonntags nachmittags auf der Autobahn und die Abende unter der Woche verbringt man nicht mit Freunden zu Hause, sondern alleine im Hotelzimmer. Und Marcel Reich-Ranicki hat doch recht: das deutsche Fernsehprogramm ist oft so so schlecht. Andererseits wird es tagsüber nie langweilig und man muss nicht viele Stunden lang auf einem Bürostuhl zubringen, sondern kommt bei guten Wetter sogar in den Genuss, auf dem Weg zwischen Parklücke und Markteingang noch ein wenig frische Luft zu schnuppern.
Erfreulich war, dass man Anregungen zur Optimierung von Vorgängen – sei es im CRM oder bei den Kunden selbst – jederzeit äußern konnte und diese gerne umgesetzt wurden. Man lernt voneinander! Und natürlich soll dies auch eine Grundlage sein für zukünftige Themen, die Marketing und Vertrieb gemeinsam bearbeiten – wer braucht welche Infos, Fakten, Zusammenhänge, um erfolgreich zu arbeiten und das Unternehmen voranzubringen.
Ich kann also sagen, dass diese 5 Monate eine erfahrungsreiche Zeit und Herausforderung waren, die ich nicht hätte missen wollen; und die meiner Meinung nach jedem sehr sehr nützt, der gerne sein (neues) Produkt in den Regalen und auf Kassenbändern sehen möchte!
Und damit es wieder was Innovatives zu verkaufen gibt, habe ich mich nach den 5 Monaten wieder an meinen Schreibtisch gesetzt und der Produktentwicklung mitgeteilt “ich komme mit meiner Idee mal rĂĽber zu Euch” denn – neue Wege entstehen dadurch, dass man sie geht!
Simone Kockelmann
European Marketing Trainee
16.10.2008